Stasi-Unterlagen

Mit welchen Methoden das staatstragende Gebilde „Ministerium für Staatssicherheit der DDR“ (Stasi) arbeitete, wurde erst nach der Wende so richtig klar. Es war ein spitzelgetragenes Informations-Spinnennetz über das ganze DDR-Land gelegt worden.
Heute geben wir unsere persönlichsten Informationen freiwillig jedem Geheimdienst der Welt preis. Der Geheimdienst muss nur das Internet an den richtigen Stellen anzapfen und über die modernste IT-Technologie verfügen. In der zukünftigen „Ära der Künstlichen Intelligenz“ mutiert jeder Mensch zum computerverwalteten Datenpool und die biometrischen Merkmale charakterisieren das biogene Individuum. Das wäre für die Stasi die Superarbeitsgrundlage gewesen.

Einleitend kann ich aus eigener Erfahrung feststellen, dass diejenigen, die in der DDR-Zeit nie von der Stasi angesprochen wurden, glücklich sein können. Sie mussten in dieser Beziehung keine Entscheidungen für sich, die Familie und Freunde treffen. Die Nicht-Angesprochenen sollten sich auch mit Kommentaren zu den „Inoffiziellen Mitarbeitern“ zurückhalten.
Zu DDR-Zeiten hielt er sich anfangs für unwichtig für ein Stasi-Interesse. Das änderte sich spätestens im Jahr 1984.
Nach der Wende hatte er mehrmals Fragebogen zu etwaigen „Stasi-Kontakten“ ausfüllen müssen. Deshalb entschloss er sich 1992, die Einsicht in seine offensichtlich vorhandenen Unterlagen zu beantragen. 1998 bekam er endlich Antwort.

Er erhielt ca. 100 Seiten als Kopien mit dem Hinweis, dass in Berlin noch weitere Unterlagen liegen, die zusätzlich zu beantragen sind.
Es handelt sich um Unterlagen aus der Bezirksverwaltung (BV) Dresden, Abt. XVIII 3243 und Unterlagen der Zentralverwaltung Berlin Abt. VII, EB 3607/89.
Außerdem ergaben die Recherchen, dass zu meiner Person mit der Signatur AVA 280/84 bei der Hauptabteilung I/ Abteilung Äußere Abwehr/Unterabteilung 2/ Arbeitsgruppe Koordinierung (HA I – zuständig für NVA und Grenztruppen) auf Veranlassung der „Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung (Armeeaufklärung) eine Akte angelegt war. Es wurde geschrieben, dass dieses Material sicher nicht mehr aufgefunden wird. Könnte es aber beantragen, was ich nicht getan habe. Außerdem war ich in Sicherungsvorgängen (SV) erfasst.
In den Unterlagen sind die Decknamen von Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes enthalten, die über mich berichteten. Falls ich die Klarnamen wissen und eben noch weitere Informationen erhalten möchte, sollte ich einen weiteren Antrag stellen. Auch das habe ich nicht getan.

Aus heiterem Himmel wurde ich am 10.02.1984 in die Personalabteilung (Kaderabteilung) des „Zentralinstituts für Kernforschung Rossendorf“ bestellt. Im Zimmer saß aber ein mir unbekannter Herr mit Aktentasche neben dem Schreibtischstuhl. Als ich eintrat, griff er in diese, vermutlich um das Tonbandgerät anzuschalten. Das Gespräch begann. Er stellte sich als MfS Mitarbeiter vor, der überprüfen sollte, ob ich als Reisekader für das nicht-sozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW-Kader) geeignet wäre. Ich selbst wusste gar nicht, dass ich dazu vorgeschlagen war. Doch auch das sollte sich bald aufklären. Die meisten Fragen betrafen die „Westverwandtschaft“ meiner Frau und die Besuche meiner Schwiegermutter dort. Nach etwa einer Stunde sagte ich etwas unwirsch, dass wir uns das Gespräch doch hätten sparen können, denn die Angaben würden doch wohl der Behörde vorliegen. Da wurde die Katze aus dem Sack gelassen, und mein Gegenüber outete sich als Mitarbeiter der Verwaltung Aufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung (MfNV). Wenn ich also dienstlich in das westliche Ausland reisen wolle, müsste ich für eine inoffizielle Mitarbeit mit diesem Ministerium bereit sein, denn perspektivisch solle ich eine verwandte BRD-Person dem Ministerium zuführen bzw. selbst in die BRD „übersiedeln“. Ich lehnte dies ab und krampfte nach Argumenten dafür. Danach drehte sich das Gespräch im Kreis und endete nach ca. zwei Stunden damit, dass keine Informationen über das Gespräch zu anderen dringen dürfen und wenn, würde das strafrechtlich verfolgt. Ich solle die Entscheidung überdenken, da zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres „Gespräch“ folgen würde. Im Sommer kam ein neuer Anruf, dass ich die "Kaderabteilung" kommen solle. Dieses Mal waren es zwei MfS-Mitarbeiter. Den Wartburg-PKW mit Berliner Nummer hatte ich auf einer Parkstelle vor dem Gebäude bemerkt. Ich hatte mir zwei Ziele gesetzt, das „Angebot“, auch irgendeine Variante davon, abzulehnen und nicht länger als eine Stunde an dem Gespräch teilzunehmen. Nach einem Vorgeplänkel wurde die Frage nach der Zusammenarbeit gestellt. Meine Ablehnung fiel scharf und konsequent aus. Ich verwendete alle möglichen und unmöglichen Argumente. Dann ging es mit Drohungen weiter… "meine Schwiegermutter dürfe nicht mehr in den Westen fahren und die Westverwandten nicht mehr in die DDR, eine mögliche Karriere meinerseits wäre auch beendet und bei Familienmitgliedern würde das sicher ebenso sein". Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass ich schon etwas über eine Stunde im Zimmer war und beendete deshalb für mich das Gespräch, mit der Andeutung, dass ich jetzt gehen werde. Der Satz „Wann sie gehen, bestimmen wir“, ließ mich zögern. Jetzt setzte ich alles auf eine Karte und sagte: „Aus ihren Unterlagen über mich, müssten sie auch wissen, wenn ich einmal -nein- gesagt habe, heißt das auch -nein-. (Ich nahm im Stillen an, dass die Vorgänge über die Nationalpreis-Verleihung/Nichtverleihung im MfS bekannt sein müssten. Ich vermutete damals richtig, der Vorgang war dokumentiert). Und wirklich sagte der eine, "ja das wissen wir", sie können gehen. Ohne ein weiteres Wort habe ich das Zimmer verlassen.
Und die Konsequenzen:
Meine Schwiegermutter konnte weiter nach Mutlangen fahren und die Westverwandten kamen weiter nach Dresden ohne Probleme… , meine berufliche Karriere: Ich war eben kein Experte, der in das westliche Ausland durfte. Nach der Wende war dies allerdings auch ein Karriere-Nachteil. Und ich glaube, auch andere Familienmitglieder hatten keine größeren Karriere-Knicke.
In den Dresdener Stasi-Unterlagen findet sich zu diesem Vorgang unter anderem folgendes Statement:
JC

Erstaunlich ist, dass die letzte Eintragung in meine „Akte“ der Hauptabteilung XVIII/6, Tgb.-Nr Mü/6/126/7190/89 Dresden am 30. Oktober 1989 vorgenommen wurde.

Nach 30 Jahren mutet das alles mystisch an.